Ruhe vor dem Sturm? Der konziliare Prozess und die Flüchtlings-Frage

Als Tipping Point (auf deutsch: Umkipp-Punkt) wird der Moment bezeichnet, ab dem ein Prozess so weit vorangeschritten ist, dass er unaufhaltsam und exponentiell beschleunigt abläuft. Dieser Begriff wird auch in Kontext der Klimaentwicklung genutzt. Damit wird der Moment bezeichnet, wenn z.B. durch das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes oder die Entwaldung des tropischen Regenwaldes dramatische und unumkehrbare Klimaveränderungen in kürzester Zeit bewirkt werden.

Auf diesen Tipping Point rasen wir bei unserem Weltklima derzeit mit kaum gebremstem Motor zu. Seit den 1970er Jahren ist beispielsweise die sommerliche Meereisbedeckung in der Arktis um 40 Prozent zurückgegangen und in großen Arealen wurde gleichzeitig die Eisschicht dünner.

Klimawandel

Der Klimawandel trifft vor allem die ärmsten Länder der Erde, bislang vor allem in Afrika und Asien. Meist sind die Menschen dort den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert. So hatte der Taifun Haiyan (auf den Philippinen Yolanda genannt), der im November 2013 mit mehr als 380 km/h über die Philippinen fegte, eine Spur der Verwüstung hinterlassen; der Ozeanologe Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung machte damals deutlich, dass solche Wetterextreme Folgen des fortschreitenden Klimawandels seien. Auch Afrika ist massiv betroffen: So schreiten in der gesamten Sahelzone unaufhaltsam die Wüsten voran. Immer mehr Land wird unfruchtbar. Immer mehr Menschen drängen sich auch deswegen auf immer engerem Raum. Und auch das Beispiel Bangladesh spricht eine deutliche Sprache: Der größte Teil des Landes erhebt sich keine fünf Meter über den Meeresspiegel. Derzeit steigt das Wasser an der Küste jährlich um einen halben Zentimeter. Das klingt nicht viel, ist aber dramatisch. Bereits jetzt müssen zahllose Menschen innerhalb von Bangladesh vor Überschwemmungen vom Süden in den etwas höher gelegenen Norden fliehen.

Die Klimaforscher sind sich einig, dass wir im Moment ohnehin nur noch in der Lage sind, die Folgen des Klimawandels, in dem wir uns bereits befinden, bestenfalls auf ein gerade noch erträgliches Maß abzubremsen. Die durchschnittliche Welttemperatur dürfe sich maximal um 1,5 Grad erhöhen. Klimaexperten auf der Klimakonferenz Anfang Dezember 2015 in Paris haben das nochmals sehr deutlich gemacht.

Klimaflüchtlinge

Eine Folge sowohl dieser Entwicklung als auch der in dieser Ausgabe von Christen heute beschriebenen weltwirtschaftlichen Zusammenhänge (siehe den Artikel Die Globalisierung treibt in die Flucht von Thomas Gebauer in Christen heute 1/2016) wird auch sein, dass uns die derzeit stattfindenden Flüchtlings-Bewegungen in einigen Jahren rückblickend möglicherweise wie die Ruhe vor dem Sturm vorkommen werden. Immer mehr Menschen werden auf Grund des Klimawandels flüchten müssen. Bisher bleibt die Mehrheit der Klimaflüchtlinge noch in den eigenen Ländern. Und die allermeisten davon wollen ihre Heimat eigentlich auch gar nicht verlassen.

Doch nach Einschätzungen der Internationalen Vereinigung für Migration (IOM) werden auf Grund der Entwicklungen des Weltklimas im Jahr 2050 bereits bis zu 200 Millionen Klimaflüchtlinge unterwegs sein. Dürren, Hitzewellen, Starkregen oder auch solche Umweltkatastrophen wie Haiyan werden sie vertreiben – und vertreiben viele schon jetzt. Denn die Folgen des Klimawandels vernichten Ernten, zerstören durch Bodenerosion ehemals fruchtbares Land, lassen die Wüsten wachsen oder das Land zum Raub des Meeres werden. Den Menschen in den betroffenen Regionen wird schlicht die Lebensgrundlage entzogen.

Und wer wollte ihnen verwehren für sich und ihre Familien dort Zuflucht zu suchen, wo es noch einigermaßen sicher ist – und wo zudem mit unserem massiven Ausstoß von Treibhausgasen die Hauptverursacher dieses Klimawandels, der Armut und des Hungers in vielen Ländern zu suchen sind? Ist es denn ihre Schuld, dass sie fliehen müssen, weil sie in ihrer Heimat die Existenzgrundlagen verlieren?

1983 wurde auf der sechsten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver der so genannte Konziliare Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfungsbewahrung angestoßen. Mir scheint, das Bewusstsein für die Themen dieses Prozesses müsste in den Kirchen und ihren Gemeinden wieder stärker wach gerufen werden. Sowohl in der theoretischen Auseinandersetzung mit den Themen als auch in den praktischen Folgen für unser Leben als Christinnen und Christen, als Gemeinden und als Kirchen. Denn die Themen dieses Konziliaren Prozesses sind aktueller denn je – und sie werden es bleiben.

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Ein Kommentar zu “Ruhe vor dem Sturm? Der konziliare Prozess und die Flüchtlings-Frage”

  1. Ja, ein guter Gedanke. Wertvolle und diskussionswürdige Hinweise dazu gibt übrigens auch Franziskus Enzyklika zum Thema. Wir lesen die gerade im Bibelkreis miteinander,

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