taz auf Billy Grahams Spuren? – Jubelartikel zu „Weihnachten im Schuhkarton“

Foto: Stephanie Hofschlaeger / Quelle: http://www.pixelio.de

Die in Berlin erscheinende tageszeitung (taz) überrascht mich immer wieder. Häufig positiv. Manchmal auch so, dass mir als engagiertem Christen der Seufzer entfährt: „Was für eine Christen-Karikatur hat die Redaktion denn jetzt wieder als ‚pars pro toto für die gesamte Christenheit‘ aus der Mottenkiste des Fundamentalismus ausgegraben?“

Umso überraschter war ich nun über einen halbseitigen (!), undifferenzierten und unkritischen, ja schon fast blauäugigen Jubelartikel über „Geschenke der Hoffnung / Weihnachten im Schuhkarton“ in der gestrigen taz vom 10. November (siehe: „Kuscheltier für Haiti„).

Schon eine kurze Internet-Recherche hätte ergeben, dass die Organisation „Geschenke der Hoffnung“ mit ihrer Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ selbst innerhalb der Kirchen überaus umstritten ist, und mit sehr kritischen Augen betrachtet wird. Ich empfehle hier beispielsweise von evangelischer Seite die Website des Beauftragten für Weltanschauungsfragen der Landeskirche Sachsens („Evangelikale Bewegung / Geschenke der Hoffnung„) oder auf römisch-katholischer Seite die Website „Sekten- und Weltanschauungsfragen“ der Erzdiözese München und Freising („Informationen zu Weltanschauungen und Gruppierungen„).

Wer sich mit der Organisation „Geschenke der Hoffnung / Weihnachten im Schuhkarton“ etwas differenzerter auseinandersetzt, wird sehr schnell merken, dass mit den Päckchen auch das weltweite evangelikale Missionsgeschäft der „Billy Graham Evangelistic Association“ betrieben wird.

Ich denke, wenn die Organisation „Geschenke der Hoffnung“ von vorneherein deutlich machen würde, dass es auch (oder: vor allem!?) ihre Absicht ist, mit den Päckchen Mission in ihrem bzw. in Grahams Sinne zu betreiben, wäre das ehrlicher. Man könnte sich entscheiden: Ist es mir wichtiger, die biblische Botschaft in fundamentalistisch-biblizistischem Sinne unter die Menschen zu bringen, und möglichst viele damit zu dieser christlichen Richtung zu bekehren, oder ist es mir wichtiger, mit der Unterstützung von „Brot für die Welt“ oder „Misereor“ nachhaltige Entwicklungshilfe zu leisten, die vielleicht keine Mission in diesem Sinne leistet, aber dafür nachhaltig zur Verbesserung der Lebensumstände der betroffenen Menschen führt?

Die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ jedenfalls, so der Hauptkritikpunkt der kritischen Stimmen innerhalb der Kirchen, leistet keinen Beitrag zur nachhaltigen Verbesserung der oftmals prekären Situation in den betroffenen Ländern. So verwies der ehemalige stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und damalige Thüringer Landesbischof Dr. Christoph Kähler bereits 2005 in einer Pressemitteilung deutlich darauf, dass die Geschenke in den Schuhkartons „kaum mit der Wirklichkeit der Kinder zu tun [haben]. Mit einer Puppe kann ein Kind spielen, sie stillt aber keinen Hunger.“ Die Päckchen könnten im besten Fall Zeichen der Nächstenliebe sein, würden aber keine Not lindern. Die Kinder in armen Ländern bräuchten vor allem Bildung, Gesundheit, und eine langfristig gesicherte Ernährung.

Wichtiger als diese Geschenke sind Investitionen in die Infrastruktur, die Ausbildung der Menschen oder Anleitungen mit Anschubfinanzierung von Wirtschaftsprojekten, welche die soziale Situation in den Empfängerländern nachhaltig verbessern. Das wäre nachhaltige und effektive Unterstützung, die den Menschen wirklich hilft.

P.S.: Ein Leser dieses Weblogs hat mich mittlerweile auch noch darauf aufmerksam gemacht, dass die taz unter dem Titel „Gut verpackte Propaganda“ bereits vor einigen Jahren einen gut recherchierten Artikel zum Thema veröffentlicht habe. Der Autor des Artikels in der Berlin-taz hätte also nicht mal im Internet recherchieren, sondern eigentlich nur ins eigene Archiv schauen müssen …

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10 Kommentare zu „taz auf Billy Grahams Spuren? – Jubelartikel zu „Weihnachten im Schuhkarton““

  1. Liebe Leser,

    Es erstaunt mich immer wieder, dass viel über uns im Netz gegoogelt und unterstellt wird, dass alles richtig ist, was da so gesagt wird. Wer schaut eigentlich mal auf unsere Seite und informiert sich – gerne auch telefonisch – direkt bei uns? Scheint es heutzutage – auch in ökumenischen Kreisen – einfacher zu sein über jemand zu reden, als mit ihm?
    Daher erlaube ich mir auch auf diesen Artikel eine kurze Info weiterzugeben, die übrigens auf allen Aktionsprospekten und auch auf unserer Internetseite zu finden ist. Wie alle Kritiker, hat auch die Schreiberin obigen Artikels, sich nicht bei uns informiert, denn dann wüsste sie, dass nicht Geschenke der Hoffnung e. V. die Päckchen verteilt, sondern die Kirche am Ort. Sprich: die lutherische, katholische, orthodoxe und evangelikale. – … apropos Ökumene … – Diese Kirchengemeinden sind vor der Aktion vor Ort und sind es auch danach. Sie organisieren die Verteilungen an bedürftige Kinder in Zusammenarbeit mit den Ortsbehörden, Sozial- und Bürgermeisterämtern, Schul-, Kinder und Waisenhausleitern. Eine Vernetzung auf allen sozialen Ebenen, die Verteilungen im sozialen, kulturellen und traditionellen Kontext ermöglicht.
    Darüber hinaus ist Geschenke der Hoffnung e. V. Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste im Diakonoschin WErk der EKD.
    Weitere Informationen finden Sie auf unserer Internetseite, http://www.geschenke-der-hoffnung.org.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Diana Molnar
    Leitungsteam „Geschenke der Hoffnung e. V.“
    Projektleiterin „Weihnachten im Schuhkarton“

  2. Trotz der Mitgliedschaft von „Geschenke der Hoffnung e.V.“ in der Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste im Diakonischen Werk der EKD, welche unter den „Freien Werken“ aufgeführt wird, gibt es eine breite kritische Haltung zu „Weihnachten im Schuhkarton / Geschenke der Hoffnung“ in mehreren Landeskirchen der EKD.

    Neben dem bereits oben im Artikel verlinkten Beauftragten für Weltanschauungsfragen der Landeskirche Sachsens („Evangelikale Bewegung / Geschenke der Hoffnung„) sind dies zum Beispiel auch Propst Matthias Petersen vom evangelischen Kirchenkreises Plön-Segeberg, der 2009 in einem Brief an seine Gemeinden neben der fehlenden nachhaltigen tatsächlichen Verbesserung der Lebenssituation der beschenkten Kinder deutlich macht, dass „Geschenke der Hoffnung“ Partner des Missionswerkes „Samaritan Purse“ des amerikanischen Predigers Billy Graham sei, der ein Missionsverständnis vertrete, welches nur schwer mit dem theologischen Ansatz hiesiger Gemeinden vereinbaren sei. So würde Kindern in den Comics, die den Päckchen oftmals beigelegt würden, erklärt, dass sie ohne Jesus verlorene Sünder seien. Solche Schriften in den Händen beispielsweise eines muslimischen Kindes halte er für „schwierig“.

    Und der Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ralf-Uwe Beck, erklärte in einem Interview am 25. November 2010 dass die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ die Lebenssituation von Kindern in den Ländern, wo Hilfe nötig ist, nicht verbessert, und dass es fatal wäre, wenn die Energie und das Geld, welches die Menschen in solche Schuhkartons investieren, dann bei echten, nachhaltigen und wirksamen Entwicklungshilfeprojekten fehlen würde (das Interview gibt es zum Nachlesen und Anhören direkt auf der Website der Evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland).

    Im übrigen fällt Lesenden des Beitrags und des Kommentars von Diana Molnar möglicherweise auf, dass keinem der Kritikpunkte, die in dem Beitrag aufgeführt werden, von der Kommentatorin Frau Molnar tatsächlich widersprochen wird.

    Weder der Kritik,
    dass mit den Päckchen das weltweite evangelikale Missionsgeschäft der „Billy Graham Evangelistic Association“ betrieben wird, noch
    dass mit diesen Schuhkartons kein Beitrag zur nachhaltigen Verbesserung der oftmals prekären Situation in den betroffenen Ländern geleistet wird, oder
    dass es wesentlich wichtiger wäre, statt solcher Schuhkarton-Geschenke in die Infrastruktur, die Ausbildung der Menschen oder Anleitungen mit Anschubfinanzierung von Wirtschaftsprojekten zu investieren, um die soziale Situation in den Empfängerländern tatsächlich nachhaltig zu verbessern.

    Statt dessen wird von Frau Molnar angeführt, dass die Schuhkarton-Päckchen von Gemeinden unterschiedlicher Konfession verteilt werden – was zum einen nicht Gegenstand des Beitrags „taz auf Billy Grahams Spuren?“ war, und zum anderen nicht das Geringste an der geäußerten Kritik verändert.

    Allerdings scheint sich „Geschenke der Hoffnung / Weihnachten im Schuhkarton“ langsam auch ein Vorbild an Brot für die Welt und Misereor zu nehmen (siehe „Freut mich …“).

  3. Verbietet die katholische Kirche neuerdings muslimischen Kindern das lesen von christlichen Texten? Man könnte sie ja schädigen????

  4. @ Ingo Krausz

    Der Kommentar geht an der eigentlichen Frage vorbei. Es geht nicht um das Verbot des Lesens christlicher Texte.

    Es geht zum einen darum, dass die direkte Hilfe für die Bedürftigen wesentlich sinnvoller ist, als das Verschicken eines Schuhkartons. Um mal ein anderes Beispiel als Misereor und Brot für die Welt zu nennen: Die Evangelisch-methodistische Kirche führt beispielsweise die Aktion „Ein Rucksack voller Bildung“ durch. Neben Schulmaterial wie Stiften und Heften enthalten die Rucksäcke eine Bibel und einige Hygieneartikel. Der ganz massive Unterschied zur evangelikalen „Weihnachten im Schuhkarton“-Aktion: Die Rucksäcke werden in einer Fraueninitiative im Süden Brasiliens hergestellt und befüllt; damit bekommen vor allem alleinerziehende und arbeitslose Frauen die Chance, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Also direkte Hilfe vor Ort, die mit einer Geldspende aus Deutschland erreicht wird, statt einen großen Betrag erst mal in Porto investieren zu müssen, um einen Schuhkarton mit Geschenken und evangelikalem Missions-Material in entsprechende Länder zu bringen.

    Und: Bei der Aktion der Methodisten wird dem Rucksack eine Bibel beigelegt – ein ja durchaus christlicher Text … – und nicht evangelikal-fundamentalistisches Missionsmaterial. Das ist mein zweiter Kritikpunkt: Wenn ich darüber informiert werde, dass mit dem Schuhkarton unter dem Deckmäntelchen von Weihnachts-Geschenken fundamentalistisch-christliche Mission a la Billy Graham betrieben werden soll, kann ich mich dafür entscheiden, ob ich das unterstützen will oder nicht. Diese klare und deutliche Information wird von „Geschenke der Hoffnung / Weihnachten im Schuhkarton“ allerdings nicht geliefert. Bei den Methodisten weiß ich, dass eine Bibel beiliegt.

  5. Es ist absolut unglaublich. Statt den Menschen das Evangelium zu verkündigen, schreibt man Blogs, in denen man christliche Dienste in Bausch und Bogen verurteilt?!? Ist das noch ein Werk das nur verbrennt? Wohl kaum, es ist Sünde, denn erstens ist die Kritik absolut unberechtigt, und zweitens wäre es biblisch, nicht im Internet irgendwelche wilden (und falschen)
    Recherchen zu veröffentlichen, ohne dem Bruder/ der Schwester die Chance zu geben, sich zu verteidigen, und zweitens ist dies auch nicht unsere Aufgabe als Christen. MIch wundert es, wie Diana Molnar da noch so ruhig reagieren konnte.
    Es ist einfach wahr: die ersten, die sich zu Jesus bekehren müssen, sind nicht die Heiden, sondern die ´´etablierten´´ (was ist das schon für ein hochmütiger Ausdruck) Kirchen! Also: kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbei-gekommen!

    Und: wenn den Herrschaften fundametalistisch christliche Mission nicht gefällt, sollten Sie sich mal ernsthaft fragen, ob sie denn an die Bibel glauben. Denn diese ist das funamentalistischste Buch dass es auf Erden gibt- unser Fundament des Glaubens nämlich.
    Und niemand hat die Bibel klarer gepredigt als Billy Graham. Neidisch? Kein Grund, machts doch einfach genauso! Und lest mal bei Paulus: wir sollen nicht sagen wir gehören zu Apollos, zu Kephas, zu…….sondern zu Christus! Ist denn das so schwer?
    Oder wollt Ihr lieber zu eurer Tradition als zu Jesus gehören?? Es hat ganz den Anschein!
    Es wird Zeit, dass die Thesen Luthers- in moderner Form- wieder bekannt gemacht werden! Hin zur Bibel (wie Billy Graham z.B.) und weg von falscher Götzentradition! Gelobt sei der Name des Herrn Jesus Christus. Amen.

    Ein Christ

  6. @ Erik Miller

    Das Evangelium zu verkünden ist meine Aufgabe als Priester. Und der komme ich mit großer Freude auch nach. – Allerdings nicht in dem fundamentalistischen Duktus a la Billy Graham / Geschenke der Hoffnung / Weihnachten im Schuhkarton.

    Der Fundamentalismus – egal ob christlich, muslimisch, jüdisch oder sonstiger Religion – krankt an einer ganz entscheidenden Stelle: Er nimmt die eigene heilige Schrift nicht als Basis (Fundament) der Verkündigung sondern den Buchstaben der entsprechenden Schrift als sakrosankt in Stein gemeißeltes Gesetz. Der Buchstabe aber tötet, der Geist macht lebendig (vgl. 2. Korinther 3,6).

    Dabei übersieht der Fundamentalismus schlicht, dass die heilige Schrift, auch die Bibel von uns Christinnen und Christen, immer Gottes Wort, gebrochen in die Endlichkeit und Fehlbarkeit menschlicher Worte ist. Schon jede Übersetzung der Bibel von den Ursprachen Hebräisch und Alt-Griechisch in andere Sprachen ist immer nur eine annähernde Übertragung. Und das, was wir dann hier in Deutsch stehen haben ist immer aus dem geschichtlichen und kulturellen Kontext des Verfassers herausgerissen, in den wir uns nur schwer (zurück-)versetzen können.

    Ich glaube, der Fundamentalismus macht Gott klein. Denn er will ihn für sich, und nur für sich, in Anspruch nehmen und behauptet unfehlbar sein Wort zu verkünden. Gott aber ist größer als unser Herz (vgl. 1 Johannes 3,20) und er reicht weit über menschliches Begreifen hinaus.

  7. @ Walter Jungbauer
    Ich bin erstaunt, wie die Bibel, das Wort Gottes, je nach Belieben ausgelegt wird! Wenn zitiert wird, daß „der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig“, so ist diese Bibelstelle auf die Buchstaben der Gesetze bezogen. Paulus führt in seinen Briefen aus, daß dem Volk Israel das Gesetz gegeben wurde, damit die Sündhaftigkeit des Menschen erst offenbar werden konnte. In Jesus Christus kam der Erlöser, der das Gestz erfüllt hat und so der oberste Hohepriester für uns sündige Menschen wurde. In Ihm haben wir Frieden mit Gott durch seinen stellvertretenden Tod und sind in Gottes Augen frei aus Gnade, nicht aus Werken.
    Jesus sagt von sich: Ich bin der Weg, die Wahrheit, und das Leben! Niemand kommt zum Vater, denn durch mich“. Sind das nicht fundamentalistische Worte??? Jesus war der größte Fundamentalist!! Er ist der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben. Der Missionsauftrag für die Nachfolger Jesu lautet: „Gehet hin in alle Welt und verkündet das Evangelium aller Kreatur.“ Diese Verse stehen auch in der katholischen Bibel! WIe wollen wir Christen diesen Auftrag ausüben, wenn das Weitersagen des Evangeliums als „Fundamentalistisch“ gebrandmarkt wird??
    Für das Evangelium ist ein Paulus ins Gefängnis gesperrt worden.Er hatte zuvor den Menschen in Ephesus das Evangelium verkündet,
    oder hat er auf Rücksicht auf deren Götterglaube den Mund gehalten?? Ach ja, er war ein Fundamentalist!!! Was für ein Evangelium wird in unseren Kirchen eigentlich gepredigt? Jeder kann nach seiner Fasson selig werden????

    M.W.
    ein fundamentalistischer Christ

  8. @ Manfred Wallner: Meine Antwort wäre die gleiche wie an Erik Miller (siehe oben). Daher brauche ich Sie hier nicht nochmals zu wiederholen.
    Walter Jungbauer
    ein aufgeklärt glaubender Christ

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