Kirchen-Website mit Gebärdensprache – die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) macht es vor

gebaerdensprache - BodumGehörlose Menschen haben Hörenden häufig etwas voraus: Sie können im Regelfall die Gebärdensprache. Eine Kompetenz, die sich Gehörlose angeeignet haben, um sich miteinander austauschen zu können. Gehörlose Menschen nutzen die Gebärdensprache als natürliche Sprache – sie ist ihre eigentliche Muttersprache. Die von uns genutzte Lautsprache, die ihre Verschriftlichung in Buchstaben und Worten findet, ist dagegen für Gehörlose eine Fremdsprache, ähnlich wie beispielsweise das Russische für einen Deutschsprachler.

Um die Gebärdensprachennutzer in ihrer Muttersprache zu erreichen und zum Ersten Evangelischen Kirchentag in Mitteldeutschland nach Weimar einzuladen, bietet die EKM die Einladung zum Kirchentag jetzt auf ihrer Internet-Seite auch als Video in Gebärdensprache an. Weitere in Gebärdensprache übertragene Texte der EKM-Website sollen bald folgen. Auf dem Kirchentag selber wird es den Eröffnungs- und den Abschlußgottesdienst, sowie die Bibelarbeit auf dem Markt mit Gebärdensprache geben.

Damit wird ein erster Schritt getan, um die derzeit noch vorhandene „stille Barriere“ zwischen hörenden und gehörlosen Menschen langsam durchlässiger zu machen. Denn wenn diese beiden Gruppen zusammentreffen, stehen die unterschiedlichen Kommunikationssysteme – auf der einen Seite Wort und Schrift, auf der anderen Seite die Gebärdensprache – oft wie eine stille Barriere zwischen ihnen: Die Hörenden können oftmals die Gebärdensprache nicht deuten, und die Gehörlosen sind auf Grund des nicht vorhandenen Gehörs meist nicht sehr vertraut mit der Verwendung der Laut- und Schriftsprache.

Gehörlosen geht es mit der Schrift ähnlich wie vielen Menschen mit einer Notenpartitur: Manche Musiker mögen die Melodie in ihrem Kopf „hören“ können, wenn sie die Noten ansehen. Ich selbst habe da erhebliche Schwierigkeiten, und das, obwohl ich Noten lesen kann. Ich muss die Melodie erst ein paar Mal gehört, am besten noch mitgesungen haben, um dann beim Blick auf die Noten das Lied selber singen zu können. Bei der Schrift ist das genauso: Denn auch wenn dies Vielen nicht bewusst ist, ist das geschriebene Wort ein Teilbereich des gesprochenen Wortes. Wenn ein hörender Mensch etwas liest, interpretiert er das Gelesene gleichzeitig vor dem Hintergrund seines Sprachverständnisses. Die Buchstaben „speichern“ eine Information der Lautsprache genau wie die Note eine Information des Tons. Beim Lesen kann ein hörender Mensch diese Lautsprach-Information genauso „reproduzieren“ wie die erwähnten Musiker die Melodie-Information.

Da Gehörlose keine Möglichkeit haben, ein ausgeprägtes Lautsprachverständnis zu entwickeln, haben sie daher häufig auch Schwierigkeiten mit geschriebenen Texten – und damit natürlich auch mit einer „normalen“ Internet-Seite.

Es wird angenommen, dass ein gehörloses Kind bei Schulbeginn einen durchschnittlichen aktiven Laut-Wortschatz von etwa 150 Wörtern besitzt. Ein hörender Schulanfänger verfügt nach Schätzungen über rund 4.000 Wörter. Dieser Abstand ist nur mit erheblichen Mühen einholbar.

Was für Hörende Selbstverständlichkeiten sind, wird für Gehörlose da schnell zur Barriere. Und das hat nichts mit fehlender Intelligenz zu tun.

Der Reformator Martin Luther hat mit seiner Bibelübersetzung aus den biblischen Ursprachen Hebräisch und Griechisch sowie der Kirchensprache Latein ins Deutsche die Möglichkeit eröffnet, dass nicht nur ein kleiner Kreis die Heilige Schrift versteht, sondern viele Menschen. Damit hat er ihnen den Reichtum des Glaubens, die Verkündigung, das Gebet, die Lieder, im Endeffekt Bildung und Gemeinschaft erschlossen. Die Nutzung der Gebärdensprache in ihrem Internet-Auftritt durch die EKM ist vielleicht ein neuer Ansatz, dieser reformatorischen Tradition zu folgen, und möglichst Alle Teil haben zu lassen.

Der Link zur Gebärden-Sprache auf der Website der EKM: Informationen in Gebärdensprache

Fotograf: Bodum – Quelle: http://www.flickr.de

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