Synodalität und/oder Demokratie – Gastbeitrag von Pfr. Dr. Matthias Ring

wahl - tschördaDas Leben ist manchmal schneller als man denkt. Kurz nach der letzten Synode wollte ich in dieser Zeitschrift [Anmerkung: in „Christen heute„, der Monats-Zeitschrift der Alt-Katholischen Kirche] mal der Frage nachgehen, was denn Synodalität und Demokratie voneinander unterscheidet, denn immer wieder bemerke ich, dass einige größten Wert darauf legen, beides sei nicht dasselbe. Dabei kann man es in diesem Zusammenhang getrost unberücksichtigt lassen, dass sich unsere Kirchenverfassung als bischöflich-synodal versteht, denn gegen die Bezeichnung „bischöflich-demokratisch“ käme genauso Widerspruch. Nun steht uns früher als gedacht eine Synode ins Haus und prompt wird da und dort, zum Beispiel in Internetforen, wieder darüber debattiert, ob „synodal“ gleich „demokratisch“ sei – und wenn nein, warum nicht.

In einem Forum las ich zum Beispiel: „Der wesentliche Unterschied zwischen Demokratie und Synodalität ist die Geisteshaltung: bei Demokratie gibt es Wahlkämpfe, Parteien, Lager, Macht- und Geltungssucht. Die Synodalität steht für Gemeinschaft, Einvernehmen, die Suche nach einem Kompromiss, mit dem alle leben können, eigene Ansichten nicht zum höchsten Gesetz machen, auch mit der zweitbesten Lösung leben können, Versöhnlichkeit wahren.

So ähnlich habe ich es schon oft bei Diskussionen gehört, aber ich frage mich stets, ob dabei nicht das Ideal von Synodalität mit der Realität der parlamentarischen Demokratie verglichen wird – und dabei kommt die Demokratie immer schlecht weg. Im Übrigen gibt es auch in synodal verfassten Kirche klar erkennbare Parteiungen; das ist oftmals nur eine Frage der Kirchengröße.

Weggemeinschaft?

Auch klingt in solchen Argumenten die Definition von Synodalität als „Weggemeinschaft“ an. Aber was bedeutet dies konkret, wenn sich eine Kirche als Weggemeinschaft versteht? Über die Strukturierung dieser Kirche ist meines Erachtens damit gar nichts gesagt. Darf ich mir darunter eine fröhliche Wandergruppe vorstellen, die sich vorher auf ein Ziel verständigt hat? Oder eher eine Bergwanderung mit einem Bergführer, der im Zweifelsfall sagt, wo es lang geht? Oder eine Armee – auch da sind Menschen gemeinsam auf dem Weg –, die eine klare Kommandostruktur hat? Wie findet die Weggemeinschaft zu Entscheidungen, wer geht voran, wer entscheidet im Zweifelsfall …? – Das Wort von der synodalen Kirche als Weggemeinschaft eignet sich wunderbar für meditative Betrachtungen, aber um das Wesen einer Kirche zu erfassen, ist es denkbar ungeeignet.

Oft habe ich als Argument gehört, in einer synodalen Kirche könne man nicht über alles abstimmen. Allerdings kann man dies in vielen Demokratien auch nicht. Zumindest die modernen Demokratien westlichen Typus kennen einen Verfassungskern, der nicht verhandelbar ist. Oberste Gerichte haben darüber zu wachen, dass er unangetastet bleibt.

Einmütigkeit

Viele sehen in der Synodalität – anders als bei der Demokratie – den Trend zur Einmütigkeit. Jemand aus unserer Kirche schrieb vor einiger Zeit hierzu: „Demokratie heißt: 51 Stimmen dafür, 50 Stimmen dagegen, also wird die Sache gemacht. Synodalität gibt sich erst dann zufrieden, wenn alle sich für eine Sache entscheiden, sie will überzeugen, ist herrschaftsfrei. Sie fasst auch die Minderheit ins Auge. Eine knappe Entscheidung, die nicht von einem Gros getragen wird, ist demokratisch, nicht aber synodal.“

Auch hier ist die Sache meiner Meinung nach differenzierter zu sehen, denn selbst in den Demokratien gibt es Fragen, für die es mehr als 50 Prozent der Stimmen braucht. Und viele Gesetze werden in unserer Republik parteiübergreifend verabschiedet. Andererseits werden viele Fragen in kirchlichen Gremien mit einfacher Mehrheit entschieden. Gewiss, wir kennen einen Minderheitenschutz, aber damit lässt sich eine Entscheidung nur aufschieben. Und blickt man auf die Kirchengeschichte, muss man beschämt feststellen, dass mit den unterlegenen Minderheiten nicht gerade pfleglich umgegangen wurde. So wurden zum Beispiel die beiden Bischöfe, die sich den Beschlüssen des Konzils von Nizää 325 verweigerten, kurzerhand vom Kaiser verbannt. Sicherlich, das hat der Kaiser gemacht, aber die anderen Bischöfe haben nicht versucht, ihn davon abzuhalten, im Gegenteil.

Die hier skizzierte Debatte beantwortet natürlich nicht die Frage, was denn das Wesen einer synodalen Kirche ist (darüber gibt es vielleicht bald einen weiteren Artikel in Christen heute) und ob nun „demokratisch“ gleich „synodal“ sei. Sie scheint mir aber symptomatisch in zweierlei Hinsicht zu sein. Zum einen zeigt sie, wie viele ein Problem damit haben, den Meinungsstreit, von dem Demokratie lebt, als etwas Positives zu erleben. Das Wort vom Parteiengezänk wird in Deutschland schnell in den Mund genommen, ohne zu bedenken, dass es ohne diesen Meinungsstreit keine Demokratie geben kann.

Der Mensch

Zum anderen sagt diese Debatte viel aus über die Sehnsucht, die mit dem Wort von der synodalen Kirche verbunden ist: eine Kirche, in der alle aufeinander Rücksicht nehmen, keiner untergebuttert und immer nach gemeinsamen Lösungen gesucht wird. Zweifelsohne: das wäre das Ideal. Dummerweise ist der Mensch wie er ist: nicht immer edel, nicht immer großzügig, nicht immer altruistisch, nicht immer bereit, die eigene Meinung hinten anzustellen. Und deshalb braucht eine synodale Kirche Regeln, die diese Seite des Menschseins mit einkalkulieren – so, wie es in der Demokratie auch der Fall ist.

Dr. Matthias Ring ist Pfarrer der Alt-Katholischen Kirchengemeinde Regensburg – der Beitrag erschien in der Ausgabe von Christen heute September 2009

Fotograf: tschörda – Quelle: http://www.flickr.de

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