Kirche darf nicht professionell sein! …???

Über der ganzen Debatte um „Pro Reli“ in Berlin ist mir noch ein Beitrag aus DeutschlandRadio im Ohr, in dem dargelegt wurde, dass sich zahlreiche Kirchenmitglieder darüber erregt hätten, dass die Pro-Reli-Kampagne von kirchlicher Seite mit relativ hoher kommunikativer Professionalität durchgezogen worden sei. Kirche würde sich mit dieser Professionalität zu sehr an politische Parteien angleichen, so der Vorwurf.

Ich war über diese Haltung sehr verwundert, und bin es eigentlich noch immer. Sind die Kirchenmitglieder, welche diese Haltung vertreten, denn tatsächlich der Ansicht, dass eine Kirche lieber mit schlecht lesbaren und kopierten Textwüsten-Flugblättern arbeiten soll, die aber nur auf einem Tisch abgelegt werden dürfen, hinter dem sich vereinzelte Kirchenmitglieder versammelt haben, die aber auf gar keinen Fall jemanden aktiv ansprechen, sondern natürlich nur für Rückfragen da sind (um es mal etwas karrikiert, aber manchmal vielleicht gar nicht so weit von der Realität entfernt, zu skizzieren)? Wer glaubt denn noch ernsthaft, dass auf diese Weise irgendjemand für das Evangelium, für die gute Nachricht, für das Reich Gottes hinterm Ofen hervorzulocken ist?

Wir haben eine Botschaft weiterzugeben! Jesus hat denen, die ihm nachfolgen, aufgetragen Menschenfischer zu sein! (vgl. meine diesbezügliche Predigt „Menschenfischer? Menschenfischer!„). Wir sollen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern offensiv auf die Menschen zugehen und ihnen deutlich machen, dass wir etwas für sie haben, was sie und ihr Leben bereichern und erfüllen wird!

Ich stehe ja eigentlich solchen Veranstaltungen wie „Pro Christ“ u.ä. mit gewissen Vorbehalten gegenüber. Die betreffen allerdings eher die Interpretation des christlichen Glaubens, die hier vermittelt wird, und die mir als liberaler Christ zu eng ist, und das Jesus-Bild, welches mir hier manchmal etwas zu süß gerät, und die politischen Dimensionen des Glaubens nicht mehr im Blick hat (vgl. dazu meine Andacht zum Magnifikat).

Aber diese Veranstaltungen sind mit extrem hoher kommunikativer Kompetenz und Professionalität aufgebaut! Und ich erfahre durch meine Kontakte in die entsprechenden freikirchlichen Gemeinschaften hinein, dass sie mit dieser Professionalität Erfolg haben, und die Gemeinden wachsen, und es kommen vor allem auch sehr viele jüngere Menschen dazu. Erst vor wenigen Tagen wurde mir von einer freikirchlichen Gemeinde erzählt, die sich seit langem bei „Pro Christ“ engagiert, und die jetzt eine neue Kirche mit größerer Kapazität baut, weil die Gemeinde stetig wächst.

Von den etablierten Volkskirchen höre ich eher das Gegenteil. Da wird über Re-Säkularisierung von Kirchen geredet, über Abriss, über das Überaltern und Sterben von Gemeinden …

Ich glaube, wir sollten in Sachen kommunikativer Professionalität ganz rasch von den Freikirchen lernen und uns nicht von denen aufhalten lassen, die der Kirche diesbezüglich eine Modernitäts-Bremse verpassen wollen. Wenn wir darauf achten, über der Modernität unsere Traditionsverwurzeltheit nicht zu verlieren können wir so professionell wie nur irgendmöglich arbeiten. Für das Evangelium!

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Ein Gedanke zu „Kirche darf nicht professionell sein! …???“

  1. Die Kritik vieler Christen an „Pro Reli“ entzündete sich nicht an der „Professionalität“ der Kampagne, sondern an der Art und Weise, wie dabei seitens der Kirchenleitungen vorgegangen wurde, vgl. http://www.publik-forum.de/blog/?p=953:

    Für viele ChristInnen besonders ärgerlich war die Art und Weise in der sich die beiden großen Kirchen, insbesondere die evangelische Landeskirche mit Bischof Wolfgang Huber an der Spitze, für das Volksbegehren engagierten. Volksbegehren sind immerhin ein Element der politischen Willensbildung. Hauptamtliche Mitarbeiter der evangelischen Kirche wurden jedoch während der Arbeitszeit verpflichtet, für Pro Reli Unterschriften einzutreiben – nach Feierabend durften sie dann (aber besser heimlich) auch dagegen sein. In Kindergärten, Schulen, Gottesdiensten, auf Straßen und Plätzen wurden Unterschriften gesammelt und/oder Werbematerial verteilt. O-Ton von der Kanzel: „Es gibt keinen Grund, nicht für Pro Reli zu unterschreiben“. Bischof Huber schrieb jedem evangelischen Christen einen Brief, die Unterschriftenliste lag gleich bei. Gemeinden, die sich eher zurückhaltend zeigten, wurden vom Bischof über die Presse gerügt; Pfarrer Stephan Frielinghaus, Mitinitiator der Initiative „Christen pro Ethik“ wurde ins Konsistorium zum Gespräch einbestellt. Auffällig auch, dass die in der Initiative Christen pro Ethik engagierten PfarrerInnen und TheologInnen fast ausnahmslos Ruheständler sind, denen ihre Kirche dienstrechtlich nichts mehr anhaben kann. Die für den Protestantismus so typische und schätzenswerte Pluralität und Diskussionskultur (Alleinstellungsmerkmal!) kam hier unter die Räder eines völlig überzogenen Lagerdenkens.

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