Eine zweite Kirche? Matthias Ring zum Projekt „Namen-Jesu-Kirche“ in Bonn

In einem kleinen Beitrag Ende Mai auf diesem Weblog hatte ich das Thema „Namen-Jesu-Kirche“ in Bonn bereits angeschnitten (vgl. „Gibt es bald einen Alt-Katholischen Dom?„).

In der Oktober-Ausgabe unserer Bistums-Zeitung „Christen heute“ ist zum Thema nun vor wenigen Tagen ein Artikel des Chefredakteurs Matthias Ring erschienen, den ich hier mit seiner freundlichen Genehmigung als Gastbeitrag ins Netz stellen darf:

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EINE ZWEITE KIRCHE?

Matthias Ring zum Projekt „Namen-Jesu-Kirche“ in Bonn.

Ich gebe zu, auch meine erste Reaktion war: „Haben die in Bonn noch alle Tassen im Schrank? Was wollen wir mit einer zweiten Kirche?“ Und ich nehme an, es dachten nicht wenige so. Die Nachricht, in Bonn gebe es vielleicht bald ein zweites alt-katholisches Kirchengebäude, sorgte nicht nur für Interesse, sondern auch für Unruhe, zumal plötzlich die Frage im Raum stand, ob wir eine Bischofskirche brauchen bzw. haben sollten oder ob das mit unserem Selbstverständnis nicht zu vereinbaren sei.

Mitten in der Fußgängerzone liegt die Namen-Jesu-Kirche, als Jesuitenkirche erbaut und lange als Schul- und Hochschulkirche durch das Erzbistum Köln genutzt. Freilich, bis 1934 hatte dort die alt-katholische Gemeinde ihre Heimat, ehe sie in der Koblenzer Straße (heute Adenauerallee) eine eigene Kirche baute. Im Zuge der Neustrukturierung der Seelsorge im Erzbistum Köln wurde die Namen-Jesu-Kirche aufgegeben. Da sie sich im Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen befindet, war es Sache der Landesregierung, nach einer weiteren Nutzungsmöglichkeit Ausschau zu halten. Obwohl auch ein privater Investor Interesse zeigte, nahmen die Düsseldorfer Staatskanzlei und der Bonner Stadtdirektor Kontakt mit Bischof Joachim Vobbe auf und boten die Namen-Jesu-Kirche zur Nutzung an. Es besteht offensichtlich von Seiten der öffentlichen Hand der Wunsch, die Kirche als sakralen Raum zu erhalten und eine dementsprechende Nutzung zu gewährleisten. In diesem Kontext wurde von den staatlichen und kommunalen Vertretern die Frage gestellt, ob die Namen-Jesu-Kirche dem alt-katholischen Bistum als Bischofskirche – neben St. Cyprian als Bonner Pfarrkirche – dienen könnte. Die Diskussion um Sinn und Unsinn einer Bischofskirche hat hier ihren Ursprung.

Fragen

Zwei Fragen stellen sich angesichts dieses Angebots zunächst: 1. Können wir uns die Namen-Jesu-Kirche finanziell leisten? 2. Wie könnte ein Nutzungskonzept aussehen?

Zur ersten Frage hat Bischof Joachim Vobbe bereits klargestellt, dass das Bistum nicht in der Lage ist, die Baulast zu tragen. In einer Erklärung schreibt er, „dass keinerlei Bistumsmittel in das Projekt fließen sollen. Das Land ist angefragt, die Kirche so herzurichten, dass sie benutzt werden kann. Der laufende ‚Betrieb‘ kann nur über eine Stiftung finanziert werden. Wenn dies nicht gelingt, können wir die Kirche nicht übernehmen.“ Über diese Frage gibt es derzeit Gespräche mit der Landesregierung, die nicht wenig erfolgversprechend angelaufen sind.

Was aber machen wir mit der Namen-Jesu-Kirche, wenn gleichzeitig St. Cyprian als Pfarrkirche erhalten bleibt? Es gibt die Idee, die Kirche aufgrund ihrer Lage für ein niederschwelliges Angebot zu nutzen. Hierzu schreibt Bischof Vobbe: „Ein solches Konzept für eine zweite alt-katholische Kirche im belebtesten Teil eines Großstadtzentrums muss gründlich erarbeitet werden, zugleich aber flexibel sein, zumal die Großkirchen dort ebenfalls mehr oder weniger gut vertreten sind. Grundsätzlich gilt auch hier die profane Erkenntnis: Konkurrenz und je eigene Schwerpunkte beleben das Geschäft. Zugleich handelt sich im Ernstfall um einen Prozess, der immer wieder neu reflektiert werden muss. Irrtümer sind also nicht ausgeschlossen. Im Falle der Namen-Jesu-Kirche geht es in diesem Zusammenhang nicht ums ‚Bischöfliche‘, sondern um seelsorgliche/liturgische Konzepte vor Ort, d.h. hier in der Bonner Innenstadt. Alle, die zur Zeit mit einem Konzept für die Namen-Jesu-Kirche befasst sind, kennen sich im Bonner Milieu aus, und es wäre sicher hilfreich, ihnen grundsätzlich auch die Kompetenz für die seelsorglichen/liturgischen Belange einer solchen Kirche zuzutrauen. … Wie kann Citypastoral mit alt-katholischem Profil aussehen? Welche Angebote können wir mit unserem beschränkten Personalbestand machen? Was ist theologisch alt-katholisch verantwortbar und was nicht mehr? Welche ‚Dienstleistungen‘ können wir anbieten, die nicht auch von anderen schon angeboten werden? Das sind entscheidende Fragen, die letztlich alle Großstadtgemeinden tangieren, Fragen, die auch mich bewegen und über deren Beantwortung ich mich gern informieren lasse.“

Bischofskirche?

Salopp formuliert könnte man sagen: Warum nicht die – pastorale – Chance nutzen, wenn die Finanzierung des Projektes die knappen Finanzmittel unserer Kirche nicht belastet!? Allerdings gibt es da noch eine Frage, die die Gemüter erhitzt und die sich an den Begriffen „Bischofskirche“ oder gar „Kathedrale“ festmacht. Hier sehen nicht wenige die Frage nach dem Selbstverständnis unserer Kirche gestellt. Unser Bischof hat dazu klar geäußert: „Ich bin überzeugt, dass unser Bistum noch Jahrzehnte ohne Bischofskirche auskommen würde, falls aus dem Projekt nichts wird.“ Er gibt aber auch zu bedenken: „Es ist jedoch keineswegs so, dass eine „Bischofskirche“ etwas grundsätzlich Un-alt-katholisches wäre, im Gegenteil: Die Bistümer Utrecht und Haarlem haben sich noch im 20. Jahrhundert, also lange nach Gründung der Utrechter Union, neue Bischofskirchen gebaut (die alten Kathedralen waren nämlich schon im 16. Jahrhundert protestantisch geworden). Der prächtigste alt-katholische Bischofsthron … steht in der Peter-und-Pauls-Kirche zu Bern und stammt von Eduard Herzog. … Warschau hat eine Kathedrale, Tschechien hat sogar zwei (Warnsdorf und St. Lorenz in Prag), und nach der Bischofsweihe von Bernhard Heitz, die in einer lutherischen Kirche gefeiert wurde, fand sogar eine Prozession zu seiner Inthronisation (!) in St. Salvator statt. Eine Bischofskirche ist also nicht ungewöhnlich oder gar unstatthaft im alt-katholischen Milieu. … Es wäre völlig normal, wenn sich diese Ortskirche auch in Gestalt eines Kirchengebäudes ‚verorten‘ würde. Historisch – und wir beziehen uns ja auf die ‚alte‘ Kirche ist es sogar so, dass die Bischofskirchen die Mutterkirchen der Pfarrkirchen sind. Die Kathedrale war die Kirche in einer Stadt oder einer Region. Erst daraus haben sich bei immer größer werdender Zahl der Einwohner und der Christen die Pfarreien entwickelt.“

Als Grund, warum es bislang in Deutschland keine alt-katholische Bischofskirche gibt, nennt Joachim Vobbe staatskirchenrechtliche Erwägungen: „Vom Staat (Königreich Preußen, Großherzogtum Baden und Hessen und Nachfolgestaaten) wurden wir als Personalbistum für diejenigen Katholiken eingestuft, die nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes glauben. Wir haben also einen ähnlichen Status wie ein Militärbistum, welches für die Katholiken zuständig ist, die sich beim Militär befinden. Nur im Gegensatz zum Militär haben wir schon bald räumlich fest umschriebene Territorialpfarreien gegründet und damit den Status des Personalbistums eigentlich bereits vor 135 Jahren verlassen. Umgekehrt verfügen die (römisch-)katholischen Militärbischöfe seit Jahrzehnten über eine Bischofskirche (früher St. Michael in Bonn, jetzt ist es eine Berliner Kirche).“

Die gute Stube

Zu dieser Frage hat sich mittlerweile auch Pfarrer Oliver Kaiser aus Hannover geäußert, der am Bischöflichen Seminar alt-katholische Liturgie lehrt. Er hält die Nutzung der Namen-Jesu-Kirche als Kathedrale bzw. Bischofskirche „aus liturgischer Sicht – eng verbunden mit ekklesiologischen [also die Lehre über die Kirche betreffenden] Überlegungen – als stimmig und wünschenswert.“ Oliver Kaiser fragt, wo unsere Kirche als Bistum, also als Ortskirche erfahrbar sei und schreibt: „Auf der Ebene der Pfarrgemeinde gehört zur symbolischen Repräsentanz in der Regel das Kirchengebäude. Es ist für das Leben und Bewusstsein einer Gemeinde von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Ein Pfarrer unseres Bistums hat einmal den Ausdruck geprägt, die Kirche sei ‚die gute Stube‘ der Gemeinde. Eine Entsprechung auf der Ebene des Bistums gibt es nicht. Die wichtigsten Lebensäußerungen des Bistums finden in geliehenen Kirchen und gemieteten Kongresszentren statt … Wenn wir diesen Status jetzt festhalten, obwohl sich neue Möglichkeiten auftun, ist das nach meinem Empfinden nicht mehr die zunächst ja positiv gemeinte Ausgestaltung einer Notkirche, sondern das Verharren in kirchlicher Notdürftigkeit.“

Oliver Kaiser gibt zu bedenken, dass die Begriffe „Kathedrale“ und „Bischofskirche“ ein wenig belastet seien. Gerade unter Kathedrale stelle man sich meist ein riesengroßes und vielleicht sehr prunkvoll ausgestaltet Gebäude vor. Hier wäre, sollte es zur Übernahme der Namen-Jesu-Kirche kommen, Phantasie gefragt, unsere „gute Stube“, vor allem auch die bischöfliche Kathedra, „in zurückhaltender und demütiger Schönheit“ zu gestalten.

Ob es zu einer alt-katholischen Nutzung der Namen-Jesu-Kirche kommt, müssen die Verhandlungen mit den staatlichen Stellen in den nächsten Monaten zeigen. Die – nicht zuletzt theologische – Debatte über das Für und Wider einer Bischofskirche und die Diskussion über ein pastorales Konzept ist parallel dazu zu führen. Damit die Informationsbasis hierfür etwas breiter wird, wurde dieser Artikel geschrieben.

Matthias Ring

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12 Kommentare zu “Eine zweite Kirche? Matthias Ring zum Projekt „Namen-Jesu-Kirche“ in Bonn”

  1. Dann ist es ja gut, wenn Du das eine nicht vom anderen ausschließt.
    Ich persönlich bin dafür, das die Namen Jesu Kirche eine würdige und lebendige Nachfolge bekommt.

    Ich habe in Bonn fünf Jahre röm. Jugendarbeit gemacht und war entsetzt, was ich dort für ein Christentum erlebt habe. Ich bin öfter an der Kirche vorbei gekommen und sie war immer zu.

    Es wäre schön wenn sie geöffnet wäre und es dort ein personales Angebot für Gespräche eingerichtet würde.

    Die Menschen brauchen die ganz klare Botschaft wieder, dass sie göttlich und okay sind.

  2. Zur Diskussion um öffentliche Repräsentanz:
    Ich erlebe es gerade schmerzhaft selber, daß von Selbstvermarktung heutzutage einfach die Zukunft von jemand oder etwas abhängen kann.
    Ohne ein bischen Talent zur Selbstvermarktung kann man noch so viel zu bieten haben, man geht einfach unter.

    Und nicht nur das: Ich erlebe auch, wie etwas, was mir sehr wichtig ist, in den nächsten Jahren mit der Öffentlichkeitsarbeit stehen oder fallen wird. Das THW ist eine Organisation die in der Not helfen soll aber selber gewaltig in Not ist. Denn: Ohne die Wehrpflicht kommt nicht mehr automatisch Nachwuchs. Mit dem mangelnden Nachwuchs kämpfen ja alle Hilfsorganisationen, aber das THW hat das größte Problem in der Hinsicht. Grund ist die %#§€&#§$@&% #%&$§€§$#@&% Presse. „Dank“ der Presse weiß der größte Teil der deutschen Öffentlichkeit nichtmal, was das THW genau ist und was es tut. Feuerwehr, DRK, Johanniter, DLRG kennt jeder. Aber daß das THW noch mehr tut als beim einen oder anderen Hochwasser Sandsäcke füllen wissen die meisten nicht. Ob es jetzt das Zugunglück in Schleswig-Holstein ist oder das Kölner Stadtarchiv: In der Presse wird immer nur die Feuerwehr erwähnt. Das THW, wenn überhaupt, nur als kleine Handlanger. Im Fall vom Kölner Stadtarchiv riecht es fast schon nach Absicht, wie die weit über 100 Einsatzkräfte vom THW aus den Fernseh- und Zeitungsbildern rausgehalten wurden.
    Kurz: Wir haben eine Situation, die dem THW das Leben kosten wird, wenn nicht ziemlich bald die Politik eingreift. Denn die Presse ist an sich kaum zu bewegen, von gewissen Ereignissen korrekt zu berichten. Oder kann sich hier jemand an THW-Einsatzkräfte beim Zugunglück von Eschede erinnern?? Oder beim Kölner Stadtarchiv?? Oder beim Flugzeugunglück von Überlingen??

    Man darf natürlich nicht ins andere Extrem verfallen: Alles tolle Fassade und innen alles verrotten lassen.
    Aber ein gewisses Selbstbewusstsein in der Öffentlichkeit pflegen kann unverzichtbar sein, wenn einem das, was man zu sagen hat, wirklich wichtig ist.

  3. Nur mal so als Beispiel, was Selbstmarketing ausmacht:
    Kaum ein Hahn hat gekräht, als Konrad Zuse gestorben ist. Ihm hat auch keine Bundesregierung geholfen, als er pleite ging. Den Namen Tim Berners-Lee kennt auch kaum jemand. Dennis Ritchie, der Unix und C entwickelt hat, ist letzten Oktober gestorben und keine Zeitung fand es auch nur eine Zeile wert. Usw. usf.
    Aber nahezu norkoreanische Staatstrauer findet statt, als Steve Jobs stibt: Ein Mann, der an sich nichts erfunden, nur designed hat. Der Erfinder hinter Apple war zwar auch ein Steve, aber der hieß Wozsniak. Steve Jobs hat lediglich vermarktet. Und zwar so geschickt, daß dabei mal eben unterging, daß die Maus und die graphische Benutzeroberfläche garnicht bei Apple entwickelt wurden. Sondern in einem Labor von Xerox.
    -zigtausende meinen plötzlich, ohne einen iPod nicht mehr leben zu können. Dabei gab es schon lang vor dem iPod MP3-Player: Der Unterschied ist, daß mein stinknormaler MP3-Player so ziemlich jedes Lied in MP3 und MP4 abspielt, das ich in ihn fütter. Ich muss es nicht bei iTunes gekauft haben. Was viele Apple-Jünger auch vergessen: Handys gabs auch schon vor dem i….dingsbums.

    Gut, das war jetzt ziemlich vom Thema neue Kirche abgewichen. Aber dieses Extrembeispiel soll nur verdeutlichen, was gelungene Selbstvermarktung ausmachen kann. Nämlich den Unterschied zwischen Jemand Sein und Untergehen.
    Ehrlich: Hätte ich Marketing studiert, dann wäre Steve Jobs mein Idol.

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