Gastbeitrag – Drewermann: Himmelfahrt als mythisches Motiv

Ein Gastbeitrag von Dr. Heiko Hartmann, Berlin

Am 31. März hielt Eugen Drewermann, der bekannte Paderborner Theologe, Psychotherapeut und Kirchenkritiker (*1940), in der Berliner Gemeinde einen Vortrag mit dem Titel „Aufgefahren in den Himmel“, der die Himmelfahrt als mythisches Motiv in der altägyptischen und christlichen Religion zum Gegenstand hatte.

Eugen Drewermann geht es in seinen zahlreichen Veröffentlichungen stets um die Befreiung der Botschaft Jesu aus dogmatischer, akademischer und institutioneller Verengung, um sie für heutige Menschen wieder existenziell zu machen. Er führt das Evangelium zurück auf seinen Kern: die Botschaft der Liebe, die auf der Grundlage eines unbegrenzten Vertrauens zu Gott alle Angst, Schuld und Not besiegt und die Seele des Menschen zu heilen vermag. Drewermann ist einer der produktivsten Theologen unserer Zeit und erreicht mit seiner Botschaft auch viele Menschen jenseits der engeren Fachgrenzen, nicht zuletzt wegen seiner eindringlichen Sprache, die ohne Fachjargon und kirchenamtliche Phrasen auskommt. Im Unterschied zu den meisten anderen zeitgenössischen Theologen bezieht er in sein Denken Methoden der Tiefenpsychologie und die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften ein mit dem Ziel, die Botschaft Jesu wieder an das heutige Weltbild anzubinden und dadurch für die Gegenwart relevant zu machen.

Bei seinem Berliner Vortrag verglich Drewermann altägyptische Vorstellungen über Tod, Auferstehung und Jenseits mit den entsprechenden christlichen Glaubensinhalten und gelangte zu der Aussage, dass die altägyptische Mythologie bis in Details der Ikonographie hinein christliche Bilder vorwegnimmt bzw. prägt. Viele Gedanken seines Vortrags finden sich auch in dem Buch „Ich steige hinab in die Barke der Sonne. Alt-Ägyptische Meditationen zu Tod und Auferstehung in bezug auf Joh 20/21“ (1989; bes. S. 74-154). Die Ägypter betrachteten Tod und Leben als zwei komplementäre Dimensionen der einen Wirklichkeit und verliehen ihrem Weltbild in einer reichen Mythologie Ausdruck, in der sich der Sonnengott Re und der Totengott Osiris, Tag und Nacht, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang als Antagonisten in einer ewigen kosmischen Kreisbewegung gegenüberstehen. Sie kannten bereits das Motiv der Himmelfahrt eines göttlichen Menschen als Verwandlung in Licht und Entrückung zu den Sternen. Nach Drewermann griff das frühe Christentum auf diese uralten mythischen Bilder zurück, um eine Sprache für die Erhöhung und Verklärung Christi zu finden und dessen neue Seinsweise und Präsenz nach seinem grausamen irdischen Tod auszudrücken. Besonders das Johannes-Evangelium weist nach Drewermann viele Parallelen zur Kosmologie der Ägypter auf, u. a. mit seiner ausgeprägten Lichtsymbolik. Sie verdichtet uralte Menschheitsfragen, auf die die ägyptischen wie die christlichen Bilder eine Antwort geben. Drewermanns Vortrag zeigte eindrucksvoll, dass den biblischen Texten ohne die Vergleichende Religionswissenschaft nicht beizukommen ist und die Bildlichkeit des neuen Testaments keineswegs aus dem Nichts entstand, sondern ihre Vorbilder in uralten Mythen der Menschheit hat, die Antworten auf fundamentale Fragen unserer Existenz suchen. Die Evangelien greifen die alten Bilder auf, transformieren die in ihnen verborgene Weisheit und integrieren sie in die neue Botschaft der Liebe und der Befreiung von aller (Todes-)Angst.

Der Vortrag von Eugen Drewermann hinterließ in der Berliner Gemeinde einen starken Eindruck. Das Auditorium umfasste ca. 80 Zuhörer, davon über die Hälfte externe Interessierte, die zum ersten Mal Gäste im Berliner Gemeindezentrum waren. Durch die Kraft seiner Sprache, die bestechende Fülle religionswissenschaftlicher Details und den tiefen Ernst, mit dem er die befreiende Botschaft Jesu neu zu vermitteln und die mythische Sprache des Evangeliums aufzuschließen suchte, vermochte Eugen Drewermann seine Zuhörer zu fesseln und zu bereichern. Die persönliche Begegnung mit ihm war ein besonderes Erlebnis, und die Berliner Gemeinde schätzt sich glücklich, ihn als Referenten gewonnen zu haben. Sein herausragendes Referat war Teil einer Serie von Vorträgen zu religiösen und kirchlichen Themen, die die Berliner Gemeinde in loser Folge veranstaltet.

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4 Kommentare zu „Gastbeitrag – Drewermann: Himmelfahrt als mythisches Motiv“

  1. „Drewermann ist einer der produktivsten Theologen unserer Zeit..“

    Huch: wird dieser doch total verkrampfte Mann jetzt schon zum Heiligen gemacht?

    Immerhin hat er ja die Kraft, überslll, wo er hinkommt, die Menschen zu spalten und Ressentiments aufzubauen.

  2. @ Walter Esslinger

    Hallo Herr Esslinger,

    ich weiß ja nicht, ob Sie Eugen Drewermann schon mal erlebt haben oder sich evtl. mit seinen Büchern auseinandergesetzt haben: Ihrer Einschätzung eines „total verkrampften Mannes“ oder der Behauptung, dass er „spalte, wo er hinkomme“, kann ich aus meiner Erfahrung und auch meiner Auseinandersetzung mit seinen Büchern nicht ziehen.
    Für mich war und ist er eine theologische Bereicherung, und ich glaube, er ist ziemlich nah an der Sache des Nazareners dran. Näher, als viele von uns.

    Herzlich

    Walter Jungbauer

  3. Lieber Herr Jungbauer,

    ich bin zwar keine Psychologin und auch keine Psychognomistin.

    Aber Herrn Esslinger möchte ich aufgrund meines laienhaften Eindrucks doch zustimmen: Das Gesicht von Drewermann drückt Verspanntheit, Neurotik aus.

    Und wenn Sie seine Vorträge hören, dann werden Sie doch feststellen, dass der Gute voller Komplexe ist.
    Seine Tiraden gegen die Katholiken kann ich ja noch verstehen.

    Aber was er sonst *gegen* andere vorbringt, hat mit der Nachfolge Jesus doch nun wirklich nichts zu tun!

    Jesus war bestimmt kein Rechthaber und Besserwisser.

    Herr Drewermann aber hat für alles eine Lösung: selbst für die Probleme der Wirtschaft (als Ökonomie-Experte fühlt es sich ja unter anderm auch!).

    Ehrlich gesagt: solche Leute machen mir Angst.

    Nichts für ungut und liebe Grüsse,

    Carola.

  4. Ach ja, Drewermann der Spaltpilz! Wer sich endlich von der Hirnwäsche der Kirchen frei gestrampelt hat, wird Drewermann als Genie erleben, die Traditionalisten hingegen bekommen den grossen Bammel: Weltbild in Gefahr; die (Denk-)Freiheit droht! Dann mauert man halt lieber im muffligen Plüschsofa. Schon Drewermanns Analyse der Theodizee müsste doch jeden denkenden Menschen aufspringen lassen. Drewermann macht nur endlich den unwürdigen Kinderglauben kaputt und lässt uns endlich erwachsen werden! Welch eine Chance für eine überzeugende Theologie!

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